Seiten

12. Juni 2016

Ein Gefühl



Ich war im Auto unterwegs als es passierte. 

Ich kam grade von der Arbeit. Die Sonne schien. Das Fahrerfenster war weit offen, Musik von Anette Louisan dudelte aus dem Radio. Die Ampel schlug von Grün auf Rot, ich hielt an und stoppte an einer kleinen Dorfkreuzung. Lugte aus dem Fenster, sang eine Zeile mit „ Es ist noch nicht zu Ende, schrei das Schicksal an bis es sich bewegt, sonst hamm‘ wir irgendwann alles erledigt aber nichts erlebt“ … und genau da passierte es.

Ein Geruch schwabbte wie eine Welle zu mir durch das offene Fenster herein. Eine Mischung aus Rosen, Flieder, Jasmin, trockenem Asphalt,  gemähtem Gras, frischgewaschener Wäsche, Wasser, Moos, Grillwurst, Sonne … wenn man den Sommer in Parfumflaschen hätte abfüllen können, dann wäre es sein Duft gewesen.








Den ersten Atemzug noch in der Nase, schlug plötzlich meine ganze Kindheit auf mich ein. Der Sommerduft war der Geruch meiner Oma. Schaukeln im Gemüsegarten, erdbeerpflücken, bis zu den Knien im Bach stehen, Fitschbohnen auf der Terrasse schnippeln, die alten heruntergefallen Pflaumen mit dem Tennisschläger über den Fluss schlagen, der selbstgemachte Saft aus den alten Plastikbechern,Würstchen auf Opas großen selbstgebauten Schwenkgrill braten und dann in der Hängematte essen. Mein Bruder, meine Cousins und ich, immer den langen Plattenweg, bis zum Ende des Gartens hinauf und hinab laufend, rechts und links wie eine luftige Mauer, Omas frischgewaschene Bettlaken. Ihre Stimme die laut aber sanft rief: „Nicht so wild.“ „Trampelt nicht über den Kohl. “ Obwohl wir immer fanden, dass über Kohl trampeln schon in Ordnung war. Den wollte ja so wirklich Keiner von uns essen müssen. Bei den Erdbeeren hätten wir uns das  zum Beispiel nie getraut. „Schießt nicht immer den Ball gegen meine Laken.“ Ja, das versuchten wir zumindest.





Ich konnte stundenlang schaukeln und ich sang dabei. Mit meiner schönen Stimme und in laut. Hier konnte man sich das trauen. „Es scheint uns die liebe Sonne vom Himmel herab an der Lein.“ Das war mein Lieblingslied in Omas Garten, weil es ja auch einfach so schön passte.  Omas Wäscheleine war ja direkt vor mir und die Sonne schien ja auch.  Ich habe trotzdem nie verstanden, warum die Sonne an der Leine hängen musste und wer sie da aufgehängt hatte *g*… Kinderverstand eben.

Nichts in meiner Kindheit roch so gut, wie die uralte dunkelrote Steppdecke aus der Garage, mit der wir Kinder im Sommer immer auf der Wiese hockten. Manchmal wickelte ich mich darin ein, lag im Gras und blickte in die Wolken. Das war pures Glück. Eine ganz einfache Zufriedenheit, wie ich sie heute manchmal vermisse.





An All das dachte ich in der kurzen Zeit, vor der roten Ampel, bis mich das Hupen meines Hintermannes zurück in die Realität schoss. Im Rückspiegel sah ich einen wütend wedelnden Herrn. Ich legte den Gang ein, fuhr los und fragte mich, ob er, wenn er hätte fühlen können, was ich gefühlt habe, auch gehupt hätte.
 






Meine Oma ist schon sehr lange nicht mehr da. Auch die Cousins und mein Bruder sind kein wirklicher Teil meines Lebens mehr. Wie der heißgeliebte Garten und das gemütlichste Haus der Welt heute aussehen, will ich mir gar nicht vorstellen, geschweige denn sehen.  Aber die wunderschönen Erinnerungen sind da, werden immer da sein und manchmal braucht es nur ganz wenig, um sie plötzlich hervorzulocken.



Kommentare:

  1. Diese Erinnerungen sind so schön und ich kenne sie auch.
    Um ein bissl " Oma " auch heute zu haben, hat mir der Mann
    eine Schaukel in den Garten gebaut - wie früher bei Oma.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ach, das hätte ich auch so gerne aber mein Mann meint, das Schaukeln nur was für Kinder sind.

      Löschen
  2. Erinnerungen sind was tolles. Sie machen mich manchmal traurig und manchmal bringen sie mich zum lachen. Ich finde das so wichtig.
    Lg

    AntwortenLöschen
  3. Danke, für die wunderbare Erzählung,
    liebe Grüße aus Wien,
    Judith

    AntwortenLöschen