Seiten

16. September 2010

Im Keller mit Mama


"Sie haben einen Weihnachtsbaum aus Plastik aber das ist nicht so schlimm, findet Sandra, weil man das nämlich gar nicht sehen kann. Oder vielleicht nur ein ganz kleines Klitzebißchen.
Der Weihnachtsbaum ist in einem Karton unten im Keller. Sonst fürchtet sich Sandra vor dem dunklen gruseligen Keller. Da sind immer so komische Geräusche und das sind vielleicht Gespenster oder sogar Vampire. Aber jetzt an Weihnachten ist es nur ein bißchen gruselig.
Weil Papa, Mama und Sandra in einem alten Haus wohnen ist der Keller auch sehr alt. Er hat einen langen Schacht nach vorne zur Straße hin und wenn man da hochkuckt, dann kann man die Wiese vom Vorgarten durch ein kleines Riffelglasfenster sehen. Das man das Kohlenkeller nennt, dass weiß Sandra ja schon ewig. Das ist nämlich, weil die Leute früher keine Heizung hatten und da kam der Kohlenmann und hat die ganzen Kohlebrocken durch den Schacht runter in den Keller geschüttet, damit die Leute von früher ihren Ofen mit der Kohle heizen konnten.
Heute ist kein Ofen mehr da und deshalb sind im Kohlenkeller auch keine Kohlebrocken sondern ganz viele Kartons mit Mamas alten Poesiealben, Papas bunten Pullovern, die Mama so schrecklich findet und Sandras Baby-sachen. Halb vor der Türe steht eine riesige Holzplatte. Die hat Papa gekauft, weil er darauf eine Miniaturlandschaft für seine Modeleisenbahn bauen will. Das will er übrigens schon ewig, aber weil Mama Modeleisenbahnen genauso schrecklich findet wie Papas bunte Pullover, steht die Holzplatte noch immer unbenutzt herum. Sandra quetscht sich zwischen der Platte und der Türe durch. Mama steht in einem Haufen Kartons und dreht sie alle hin und her. Sie hat die Kartons zwar alle beschriftet aber natürlich nicht auf jeder Seite. Weil Sandra noch nicht lesen kann, muss sie warten, bis Mama die Kartons mit dem Weihnachtssachen gefunden hat. Jetzt wird Sandra auch ganz hibbelig. Die Schuhkartons mit den Kugel und dem Lameta hat Mama schon ganz nach oben gestellt. Das Lameta packt Mama nämlich jedes Jahr ganz ordentlich wieder ein. Da kann man es nächstes Jahr wieder benutzen, sagt sie immer. Das spart Geld und ist auch noch gut für die Umwelt. Jetzt fehlt nur noch der Karton mit dem Baum. Eigentlich müsste Mama den Karton viel schneller finden, weil es nämlich so ziehmlich der größte Karton auf der Welt ist. Aber es dauert irgendwie fast hundert Jahre, bis sie ihn endlich freigeräumt hat. Während Mama noch den Karton aus dem Stapelhaufen zieht, sieht Sandra schon das große Loch in einer Ecke des Kartons. "


Auszug aus "Sandra und der Weihnachtsbaum"

1 Kommentar:

  1. wunderschön... und schonwieder haben wir bald Weihnachten. Ich warte eigentlich immernoch auf den Sommer. Der war mir dieses jahr viel zu kurz und nun lese ich überall schon von Weihnachten **heul**

    Lg Susi

    AntwortenLöschen